Der Einäugige unter den Blinden

“Kommen wir zur Siegerehrung” sagte der Clubpräsident. “Los geht es mit dem Nettosieger in der Handicapklasse C und da haben wir einen Spieler, der heute sein erstes Turnier gespielt hat….”.

Huch! Ich? Bestimmt nicht.

“Gestartet mit einem Handicap von 54 hat er sich heute in einem Flight echter Spitzenleute wacker geschlagen und sich mit 40 Nettopunkten sofort auf ein Handicap von 50 herunter gespielt…”

Doch ich! Na dann her mit der Weinpulle! Aufstehen, Applaus, ich winke der frisch geduschten Medienprominenz (Hallo Frau Koch am Brink!) im Restaurant des Golfclubs zu, Handeschütteln, hallo Sponsor, hallo Co-Sponsor, Glückwunsch, vielen Dank, zurück zum Platz, schnell ein weiteres Freibier bestellen (der Co-Co-Sponsor ist eine Bierbrauerei) und freuen. Da hab ich doch tatsächlich gleich ganz groß abgeräumt (ich darf jetzt auch einmal gratis in den Friedrichstadtpalast).

Ja liebe Leute, ab jetzt schreibt Euch hier der Netto-König der Anfängerspielklasse! Und sage jetzt bitte keiner, dass sei doch keine Kunst, von 54 spiele sich schließlich jeder gleich erstmal in die Punkte.

Nein, das war harte Arbeit. Erst dieses Gewitter und die Unterbrechung. Nervenzerfetzend. Dann die Flightpartner, die zwar sehr nett und voller Verständnis für mich Rookie waren, aber mich doch stets aufs Neue Demut lehrten. Nicht ein einziges Mal mal hatte ich am Abschlag die Ehre. Und wenn diese John-Daly-Klone mit dem ersten Schlag auf 250 Meter lagen, dann war ich da oft selbst nach dem zweiten Schlag noch nicht. Und dann dieser lustige Engländer, der beim Durchspielen meinen Flight mit den Worten “Hello men, hello boy” begrüßte. Und ich Pfeife bin Fan des englischen Fußballteams (Roooney!).

Schwierig war natürlich auch der Leistungsdruck. Je höflicher meine Mitspieler mir versicherten, dass es AB! SO! LUT! kein Problem sei, wenn sie warten müssten, weil ich mit dem vierten Schlag immer noch nicht aus dem Rauen (!) heraus sei, desto mehr wollte ich natürlich einen 1APlusSpitzenball schlagen, damit die Höflichkeit auch belohnt wird, weils flott voran geht. Klar, dass dann erst recht nichts ging. Eine Riesenmentalbaustelle das…

Und natürlich war ich völlig falsch vorbereitet. Ich brauche jetzt auf der Stelle: Schuhe mit Spikes für Regentage, ein Bag mit größeren Taschen (am Rand der Bahn hielt der Co-Cosponsor doch tatsächlich gekühltes Bier zum Mitnehmen bereit und die Spielleitung versicherte mir, Saufen auf der Bahn sei kein Etiketteverstoß), gute Regenbekleidung, einen vernünftigen Schirm. Und Trainerstunden. Ich befürchte, jetzt fängt das Elend und das Geldausgeben an. Bislang war ich völlig zufrieden, mit meinem Tennisspielerschwung Golf zu spielen. Aber nun würde ich dann doch schon ganz gerne mit einem Schlag aufs Grün. Ich will die Longest-Drive-Trophäe! Ich will den Nearest-to-the-pin-Gedächtnis-Taler!! Ich will auch gute Brutto-Punkte!!!! Ich will!!!!!!!

Stop.

Man gebiete mir Einhalt und erinnere mich daran, dass Golf für mich bislang am schönsten war, wenn es morgens um 6 allein auf der Bahn gegen die aufgehende Sonne gespielt wird. Wenn man mit den 18 Loch schon durch ist, bevor die solariengebräunten Clubdamen “Schönes Spiel!” rufen und dabei dieses Grinsen haben. Wenn die Jungs mit den Elektroautos noch nicht losfahren und die Marshalls noch nicht schauen, ob mein doofes Hemd auch ein Kragen hat. Wenn ich einfach nur – um mit meinem Kumpel Norman (sorry, Linkfunktion kaputt, deshalb: http://unserhubert.blogspot.com/2005/08/spielerportrait-heute-norman.html) zu sprechen – die Kugel in die Gegend pölle.

Also back to the roots. Gottlob sind die Clubs auf Leute wie mich eingestellt und bieten Turnierspannung und Frühgolferfahrungen im Doppelpack: Ich habe mich für das “Earlybird-Turnier” in Gross-Kienitz am Pfingstmontag angemeldet. Das heißt: Um 5 Uhr da sein, Kanonenstart um 6. Und familienfreundlich ist das auch…wenn ich heim komme, gibt es zweites Frühstück und keiner kann meckern.

Gruß! Lutz (Hc 50)


 
June 1st, 2006
Lutz
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4 comments so far!

 

  1. Anke said on June 2nd, 2006:

    Ich merke mir die wunderbaren Begriffe „Mentalbaustelle“ und „durch die Gegend pöllen“ für meine nächste blamable Runde und gratuliere total neidisch dem Nettosieger der Handicapklasse C (in meiner Herrenboutique in Wuppertal).


  2. Dirk said on June 4th, 2006:

    Prinzipiell alles nachvollziehbar – bis auf das “um 6 Uhr morgens”. Uaah, das ist doch noch vor dem Aufstehen. Macht bestimmt Spaß so früh, aber da würd ich nix treffen :)


  3. Martin said on March 12th, 2007:

    interessant. Danke. Martin


  4. Strafverteidiger Freiburg said on April 29th, 2007:

    Mit wäre 6.00 Uhr auch zu früh, Dir nicht? :-)

 

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